#91 - Zahnweh
17.10.2026 19 min
Zusammenfassung & Show Notes
Zahnschmerzen und deren Behandlung begleiten die Menschheit seit Jahrtausenden.
Die konservierende Behandlung von Zähnen wurde bei einem 14.000 Jahre alten männlichen Individuum aus einer Felshöhle in Norditalien festgestellt, auch für die Zeit um 7000 bis 5500 v. Chr. wurden in Pakistan Beweise für eine konservative Zahnbehandlung gefunden.
Über Jahrtausende glaubten Kulturen in Europa, Asien und Ägypten an den „Zahnwurm“ als Verursacher von Karies und Schmerzen.
Man versuchte den Schmerz durch Kräuterräucherungen, magische Rituale oder das Übertragen des Leidens auf Bäume zu vertreiben.
Im Mittelalter: übernahmen oft Wander-Heiler, (Handwerker oder fahrende „Zahnbrecher“). Bis um das Jahr 1800 versuchten sich Bader und Barbiere – neben dem Haareschneiden und Schröpfen – in der hohen Kunst des Zähne Ausreißens.
Ohne Narkose wurden Patienten mit Seilen fixiert, mit Schnaps betäubt und Zähne mit schnabelartigen Zangen (dem sogenannten „Pelikan“) herausgerissen. Extreme Entzündungen wurden mit glühenden Brenneisen behandelt.
Im 19. Jahrhundert wurde die Legende des Zahnwurms widerlegt; man erkannte Bakterien und zuckerreiche Ernährung als Auslöser von Karies.
1775 synthetisierte der englische Theologe und Naturforscher Joseph Priestley das Lachgas (Distickstoffmonoxid, N₂O).
1831 stellt der Chemiker Justus von Liebig, dessen Mineraldünger, Fleischextrakt und Backpulver ebenfalls gewaltige Erfolge sind, einen chlorierten Wasserstoff her, der als Chloroform bekannt wird.
Erst die Entdeckung von Lachgas, Äther und Chloroform ermöglichte operative Behandlungen ohne Schmerzen.
1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen die Röntgenstrahlen, wodurch man Zähne und Kiefer ganz gezielt untersuchen konnte.
1905 erfanden deutsche Chemiker das Lokalanästhetikum Novocain, damit haben die brachialen Methoden des Aberglaubens zu einer modernen, schmerzfreien Zahnbehandlung entwickelt.
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DOC-ON-AIR - Der Podcast für den Umgang mit medizinischen Notfällen im Alltag von Dr. Joachim Huber.
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Bei Fragen oder Hinweisen zur aktuellen Folge schreibt mir gerne ein Email unter podcast@doc-on-air-com
#notfallmedizin #ersthilfe #teambuilding #alleswirdgut
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Transkript
Doc on Air, der Podcast, der Ihnen hilft, richtig erste Hilfe zu leisten.
Was tun, wenn jemand Hilfe schreit? Was tun, wenn zu Hause was passiert?
Als erfahrener Notarzt zeige ich Ihnen, wie es geht.
Unser Ziel, Wissen statt Angst und Können statt Zweifel.
Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer, ein herzliches Willkommen bei Doc On Air.
Heute informiere ich Sie über das leidige Thema Zahnweh.
Hat es auch schon bei Ihnen die Zahnfee gegeben?
Diese Zahnfee, ein bezauberndes Fabelwesen, dessen Herkunft geheimnisvoll und sagenumwoben bleibt.
Niemand weiß genau, wo sie lebt, doch sicher ist, die Zahnfee erfährt auf magische
Weise, wenn ein Kind seinen ersten Wackelzahn verliert.
In dieser Nacht schleicht sie sich leise und umgesehen ins Kinderzimmer,
nimmt ganz vorsichtig den Zahn und hinterlässt stattdessen eine kleine Überraschung.
Haben Sie für den ersten Milchzahl Geld bekommen oder eine schöne Dose oder ein anderes Geschenk?
Wurden Sie für das fleißige Zähneputzen auch gelobt?
Das Bedürfnis nach gesunden Zähnen gibt es, seit es Zahnschmerzen gibt.
Schmerzen, die am ganzen Kopf auftreten und die empfinden wir besonders intensiv.
Ärger als Schmerzen, die zum Beispiel an den Füßen vorkommen.
Zahnschmerzen haben schon sehr früh dazu geführt, dass Menschen Zahnbehandlungen
und eine Kultur der Zahnhygiene entwickelt haben.
Die Geschichte der Zahnheilkunde reicht bis in die Urgeschichte zurück.
Sie umfasst die Entwicklung in
der Zahnheilkunde und ist ein Teil der faszinierenden Medizingeschichte.
Nun noch ein bisschen Geschichte.
Aus der Bibliothek des Assyrer Königs Asurbanipal, der 669 v. Chr.
Gelebt hat, stammt das Werk eines altbabylonischen Arztes mit dem Titel »Wenn
ein Mensch Zahnschmerzen hat«.
Möglicherweise handelt es
sich dabei um eine Abschrift eines erheblich älteren babylonischen Textes,
in dem neben der Beschreibung einer Behandlung vor allem aber rituelle Beschwörungen von Bedeutung sind.
Darin lehnt der Wurm, wohl ein Dämon oder böser Geist gemeint,
vor dem höchsten Gott an und dessen gab man ab, nämlich reife Feigen,
Aprikosen und Apfelsaft.
Er bevorzuge das Blut der Zähne.
Als Therapie wurde damals eine Beschwörungsformel angewendet.
Wenn du dieses sagst, Wurm, möge dich der Gott eher schlagen mit seiner starken Hand.
Dieser Text musste dreimal gesprochen werden, ob er geholfen hat, ist nicht überliefert.
Plinius, der Ältere, 23 bis 79 vor Christus, überlieferte auch interessante
Methoden zur Zahnbehandlung, an die seine Zeitgenossen damals offensichtlich glaubten.
Danach konnte ein auf die Kinnbacken aufgelegter Frosch lockere Zähne wieder befestigen.
Entzündetes Zahnfleisch sollte heilen, wenn es mit dem Zahn eines Mannes bestrichen
wird, der eines gewaltsamen Todes gestorben war.
Zahnschmerzen wurden angeblich gelindert, wenn man in die Ohrentropfen von in
Öl gekochten Regenwürmern träufelte.
Und gegen Zahnfälle half vermeintlich ein Mundwasser aus in Wein gekochten Hundezähnen.
Aber nicht nur damals, auch im alten Wien gibt es eine schöne Geschichte über Zahnweh.
Vielleicht haben Sie es schon gehört. Der Zahnwehherrgott, das ist eine berühmte
gotische Steinbüste am Wiener Stephansdom.
Die Statue zeigt eine leidende Jesus-Christus-Figur mit Dornenkronen,
also eine Ecce-Homo-Halbfigur aus dem 15. Jahrhundert.
Ecce-Homo bedeutet auf Deutsch, seht, das ist der Mensch.
Ein Zitat aus der Lutherbibel, Johannes 19, 5.
Fromme Menschen hatten damals die Figur mit einem Band um das Kinn und hübschen Blumen verziert.
Der Sage nach gingen die Mittelalter drei betrunkene Zechbrüder an dieser Statue
im Stephansdom vorbei, die damals noch auf dem alten Friedhof außerhalb des Dome stand.
Die Männer spotteten über den leidenden Gesichtsausdruck und riefen, »Ha,
ha, ha, schaut, der Herrgott hat Zahnweh!« In derselben Nacht wurden alle drei
von fürchterlichen, unerträglichen Zahnschmerzen befallen, gegen die kein Arzt helfen konnte.
Erst als sie ihre Lästerungen bereuten, zur Statue zurückkehrten und reuige Abbitte
leisteten, verschwanden die Schmerzen schlagartig.
Seitdem gilt diese Figur im Volksmund als Helfer bei Zahn- und Kopfleiden.
Nun, gehen wir zurück zu den Fakten. Zahnschmerzen sind ein wichtiges Warnsignal des Körpers,
und erfordern in den meisten Fällen doch eine zeitnahe fachärztliche,
zahnärztliche Untersuchung und Behandlung.
Die häufigsten Ursachen sind.
Wir wissen es alle, fortgeschrittene Karies, die den Nerv letztlich reizt oder schon geschädigt hat.
Aber auch Entzündungen des Zahnnerven, der Zahnwurzel oder des Zahnfleisches,
sind ganz, ganz bedeutend.
Freiliegende Zahnhälse bei
Zahnfleischschwund reagieren empfindlich auf heiß, kalt, süß oder sauer.
Auch das berühmte kleinste Körnchen vom Mohn oder von einer Feige,
das sich irgendwo in einer Zahntasche verfängt und sich entzündet,
macht gewaltige Probleme, ebenso wie das Zähneknirschen.
Nun hat man immer schon Hausmittel verwendet.
Man hat zum Beispiel die schmerzende Stelle von außen mit einem Coolpack in,
ein Tuch gewickelt, gekühlt.
Man hat mit lauem Salzwasser oder Kamillen-Salbei-Tee gespült.
Man hat versucht, irgendwelche köstlichen anderen Dinge auf den Wehen Zahn zu
bringen, zum Beispiel auch Nelkenöl.
Und letztlich waren es dann die Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol,
die kurzfristig geholfen haben, also sprich die Zeit bis zum Zahnarztbesuch erleichtert haben.
Also denken Sie daran, Hausmittel nehmen Sie bitte nur, um das Wochenende oder
die Nacht zu überstehen.
Diese Hausmittel ersetzen niemals den Besuch in der Zahnarztpraxis.
Ich will nicht belehrend sein, aber denken Sie daran, heute ist es wirklich
möglich, alle diese Probleme wirklich sehr gut und kompetent zu behandeln.
In der vergangenen Zeit wurden ja kaputte Zähne einfach entfernt, ohne langes Zögern.
Der Zahn gehört aus und schwupps war er weg.
Ich selber habe diese leidliche Erfahrung in meiner frühen Jugend gemacht.
Es wurden völlig unnötig, sicher schon damals reparierbare Zähne einfach gezogen.
Heute verfügen Zahnärzte und natürlich auch Zahnärztinnen über eine Vielzahl
von Behandlungsmöglichkeiten Genau bei diesen Problemen, Karies,
Zahnwurzelentzündungen, Vereiterungen, Parodontitis.
Und wenn der Zahn dennoch gezogen werden muss, dann wird nach der vollständigen Einheilung,
das kann schon einige Wochen dauern, die Lücke geschlossen etwa durch ein Implantat,
eine Brücke, eine Teilprothese oder auch eine Prothese.
Lange bevor es Geschiebeprothesen oder Zirkonkronen gab oder Goldkronen gab,
entwickelten die Etrusker im 8.
Bis 1. Jahrhundert vor Christus eine wahre Meisterschaft, was den Ersatz von Zählen betraf.
In ihren Gräbern fand man Zahnersatz und Implantate, die nicht nur der ästhetischen
Wiederherstellung gedacht waren, sondern ganz offensichtlich auch zum Kauen tauglich waren.
Der damalige Zahnersatz war meistens menschlicher oder tierischer Herkunft,
zum Beispiel Stoßzähne vom Elefanten oder von anderen großen Tieren.
Drähte und breite Streifen aus Gold verbanden einen oder auch mehrere Zähne
und wurden als Brücke im restlichen Gebiss verankert.
Den nötigen Halt gaben also, so wie heute, die eigenen echten Zähne.
Die güldenen Bänder saßen so hoch auf den Zähnen, dass sie das Zahnfleisch nicht
reizten und auch keine Druckstellen verursachten.
Leider war mit dem Untergang der etruskischen Kultur auch das Wissen um die
frühere Zahnprothetik verloren gegangen.
Vergleichbare handwerkliche Ergebnisse wurden erst wieder im 19. Jahrhundert erzielt.
Der französische Arzt Pierre Fauchard gründete in seiner Pariser Praxis
im Jahr 1719, Zu einer Zeit, in der die Zähne noch überwiegend vom Barbieren
gezogen wurden, als erster Zahnarzt im modernen Sinne,
für seine Patienten eine echte Zahnbehandlungsgelegenheit.
Die Patienten mussten nicht wie früher einfach am Boden liegen,
sondern er hatte ein eigenes Sofa, wo die Patienten bequem gelagert wurden.
Er erfand auch die Bezeichnung Dentist. Übrigens in Österreich und Deutschland
war das bis 1952 die offizielle Berufsbezeichnung für,
Kolleginnen und Kollegen der Zahnheilkunde ohne akademische Ausbildung.
Foschar riet außerdem schon damals dazu, die Zähne regelmäßig zu reinigen,
den Zuckerkonsum zu reduzieren, gut zu kauen und alles zu tun,
um die Karies zu vermeiden.
Er war auch der Erste, der ein zusammenhängendes Gebiss konstruierte,
das im Unterkiefer an den eigenen Zähnen befestigt wurde und mittels Federkraft
den oberen Teil der Prothese in den Oberkiefer drückte.
Endlich fielen die Prothesen nicht mehr aus dem Mund, man konnte mit ihnen reden,
und lachen und sogar kauen.
Der Amerikaner James Gardette entdeckte 1801, dass Prothesen im Mund auch ohne
Federwirkung halten können.
Das Prinzip der Saugwirkung funktioniert aber genauso wie heute,
nur bei hervorragender Passform der Prothese.
Und wie heute mussten die dritten Zähne immer wieder dem natürlichen Gewebeschwund angepasst werden.
Hier sind noch einige hartnäckige Mythen rund ums Zahnweh im Faktencheck.
Milchzähne benötigen keine Zahnpflege. Die Realität, Milchzähne müssen genauso
wie unsere bleibenden Zähne gepflegt werden.
Karies liegt in den Genen, ist vererbbar, da kann man eh nichts tun.
Die Realität, es gibt tatsächlich einige wenige Faktoren, die Karies begünstigen.
Zum Beispiel die Art und Weise, wie der Mundspeichel ausschaut.
Das kann bedingt auch erblich sein.
Aber Karies selbst ist nicht vererbbar, da es eine Infektionskrankheit ist.
Das entsteht ja durch Bakterien.
Zahnfleischbluten kann ignoriert werden.
Diese Aussage ist ein eindeutiger Mythos. Zahnfleischblutungen sind fast immer
ein Zeichen auf schwerwiegende Zahnerkrankungen.
Zahnfleischblutung und das einmal, zweimal durch Zahnseide oder Interdentalbürstchen,
die kleinen, auftritt, ist unbedenklich.
Ein Aspirin auf den Zahn legen hilft schneller.
Die Realität ist, legen Sie niemals eine Schmerztablette direkt auf den Zahn oder das Zahnfleisch.
Die Acetylsäure verätzt die Schleimhaut.
Aber das muss jetzt doch stimmen. Alkohol tötet den Schmerz und die Bakterien.
Die Realität, das mag früher der Fall gewesen sein.
Wir wissen, dass die Zahnextraktionen vor vielen, vielen, vielen Jahren noch sehr brutal war.
Die Leute wurden mit Rum betäubt, festgebunden und dann wurde der Zahn ohne
irgendeine Anästhesie, außer die vom Alkohol, gerissen.
Die Realität aber ist, einen Mund mit hochprozentigem Alkohol auszuspülen,
das mag zwar ein bisschen desinfizieren, reizt aber das Entzündete ohne die
schon entzündete Gewebe massiv.
Und Alkohol betäubt den Schmerz außerdem nur sehr kurzfristig.
Noch ein Mythos, je fester man die Zähne putzt, desto besser.
Die Realität, viele Menschen gehen prinzipiell davon aus, dass die Zähne jetzt
sauberer werden, wenn sie fest geschrubbt werden.
Aber ein zu hoher Druck greift den Zahnschmelz an und hat fast immer vollgeschrieben.
Nelkenöl kauen auf Gewürznelken, das ist ein Wundermittel.
Die Realität dieser Mythos enthält einen wahren Kern.
Nelken enthalten Eugenol, das leicht betäubend und entzündungshemmend wirkt.
Der Zahnarzt verwendet es ja auch durchaus kompetent.
Es kann aber letztlich den Schmerz und eine fachärztliche Sanierung des Problems
nicht wirklich lindern.
Noch eins, wenn der Schmerz endlich aufhört, ist alles wieder gut.
Das ist ein gefährlicher Trugschluss.
Lässt ein stark pochender Zahnschmerz plötzlich nach, bedeutet das meistens,
dass der Nerv des Zahnes abgestorben ist.
Die Bakterien aber bereiten sich im Kieferknochen weiter aus und es droht eine
gefährliche Eiteransammlung bis hin zur Blutvergiftung.
Fassen wir zusammen. Die besten
Tipps gegen kaputte Zähne sind eine gründliche tägliche Mundhygiene.
Putzen Sie morgens und abends jeweils zwei Minuten mit sanfter Putztechnik vom
Zahnfleisch zum Zahn und spülen Sie.
Normales Wasser genügt. Natürlich können Sie auch irgendwelche mentholhältigen
Präparate nehmen, aber denken Sie dran, Auch das kann das Zahnfleisch ganz, ganz erheblich reizen.
Gehen Sie alle sechs Monate zur Kontrolluntersuchung. Jetzt werden Sie sagen,
alle sechs Monate ist viel zu oft.
Gehen Sie alle sechs Monate. Sie sparen sich viel Geld, viel Schmerz, viele Probleme.
Eine alte Volksweisheit sagt, wer Zahnschmerzen hat, dem nützt es gar nichts,
dass sein Vater König ist.
Ich wünsche Ihnen alles Gute und ich hoffe, Sie können sagen,
"Mutti, Mutti, er hat überhaupt nicht gebohrt."
In seliger Erinnerung an das Gurgelmittel. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Ihr Doc On Air.