DOC on AIR - Erste Hilfe im Alltag

Notfallmedizin im Alltag

#89 - Herzkrank - was tun?

Kardiale Rehabilitation

19.09.2026 12 min

Zusammenfassung & Show Notes

Herz, Körper, Psyche – erste ESC- Leitlinie zur kardialen Rehabilitation,

die Europäischen Kardiologie-Gesellschaft (ESC) hat im August 2026 auf dem Kongress in München ihre erste eigene, spezifische Leitlinie zur kardialen Rehabilitation veröffentlicht.

Vorgestellt von Frau Univ.-Prof.in Dr.in Irene Lang.

Erstmals widmet die ESC der kardialen Rehabilitation eine eigene Leitlinie, das unterstreicht die Bedeutung der kardialen Rehabilitation.

Sie kann die Lebensqualität, körperliche Fitness und mentale Gesundheit verbessern und zugleich das Risiko für weitere kardiovaskuläre Ereignisse senken.

Was hat sich geändert?

Ganzheitlicher Ansatz: Die Reha ist mehr als nur Bewegung. Sie verbindet Training, Medikamenten-Optimierung, Ernährungsberatung, Rauchstopp, psychosoziale Betreuung und Schulungen. 

Breites Spektrum: Empfohlen wird sie nicht nur nach Herzinfarkten, sondern auch bei chronischer koronarer Herzkrankheit, Herzinsuffizienz, nach Klappenersatz, bei Vorhofflimmern, angeborenen Herzfehlern oder nach kardiotoxischen Krebstherapien.

Flexibilität: Neben klassischen Zentren (Klasse-1-Empfehlung) spielen auch Heimprogramme mit digitaler Fernüberwachung (Telerehabilitation) eine wichtige Rolle, um den Zugang zu erleichtern. 

Multidisziplinäres Team: Die Betreuung erfolgt durch ein fachübergreifendes Team aus Medizin, Pflege, Physiotherapie und Psychologie, abgestimmt auf die persönlichen Ziele der Patienten.

Literatur:
Bäck M, Wilhelm M, Marcin Th, Machado FVC, Sandberg A, Buccheri S, et al. 2026 ESC Guidelines on cardiac rehabilitation: Developed by the task force on cardiac rehabilitation of the European Society of Cardiology (ESC). Endorsed by the European Society of Physical and Rehabilitation Medicine (ESPRM) and World Organization of Family Doctors (WONCA). European Heart Journal, 2026. 

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DOC-ON-AIR - Der Podcast für den Umgang mit medizinischen Notfällen im Alltag von Dr. Joachim Huber.

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Transkript

Doc on Air, der Podcast, der Ihnen hilft, richtig erste Hilfe zu leisten. Was tun, wenn jemand Hilfe schreit? Was tun, wenn zu Hause was passiert? Als erfahrener Notarzt zeige ich Ihnen, wie es geht. Unser Ziel, Wissen statt Angst und Können statt Zweifel. Sehr geehrte Zuhörerinnen, sehr geehrte Zuhörer, Heute beginne ich mit einer Schlagzeile. September 26, Herzrehabilitation erhält erstmals eigene europäische Leitlinie. Ich zitiere Frau Universitätsprofessor Dr. Irene Lang, Kardiologin in der Uniklinik Wien, sowie Herrn Universitätsprofessor Dr. Matthias Wilhelm im Zentrum für Rehabilitation und Sportmedizin, im Inselspital in Bern. Eine Herzrehabilitation kann nach einem Herzereignis und bei zahlreichen chronischen Herzerkrankungen, die körperliche und psychische Gesundheit verbessern und das Risiko weiterer Herzprobleme und Krankenhausaufenthalte senken. Erstmals fasst eine eigene Leitlinie der European Society of Cardiology, ESC, die wissenschaftliche Evidenz und die Empfehlungen dazu zusammen. Maria Beck aus Schweden, Dominik Hansen aus Belgien und Matthias Willem aus der Schweiz waren die drei Vorsitzenden der internationalen Taskforce, welche diese Leitlinien erarbeitet haben. Frau Universitätsprofessor Dr. Irene Lang ist maßgeblich an den offiziellen ESC-RSS-Guidelines zum Beispiel zur Diagnose und Behandlung der pulmonalen Hypertonie beteiligt. Auch in diesen Leitlinien wird eine überwachte, spezialisierte kardiorespiratorische, Rehabilitation ausdrücklich empfohlen. Um die körperliche Leistungsfähigkeit und Lebensqualität von Patientinnen und Patienten nachhaltig zu verbessern. Ich hatte die Ehre, ab 1967 meine Ausbildung zum Kardiologen bei Herrn Universitätsprofessor Dr. Fritz Kaindl im AKH zu absolvieren. Er selbst begann seine Ausbildung am Pharmakologischen Institut bei Professor Franz Brücke. Dort wurde sein besonderes Interesse für Herz- und Kreislaufverkrankungen geweckt. Diesen medizinischen, wissenschaftlichen Schwerpunkt verfolgte Kaindl auch während seiner langjährigen Tätigkeit an der 2. MedUniKlinik in Wien. Keindl war Verfasser von über 250 wissenschaftlichen Beiträgen in medizinischen Fachzeitschriften. Im Jahr 1968 wurde er zum Vorstand der neu begründeten kardiologischen Universitätsklinik ernannt und trug wesentlich zum Aufbau der Spezialdisziplin, Kardiologie in Österreich und Europa bei. Keindl war auch der Begründer der österreichischen kardiologischen Gesellschaft und des österreichischen Herzfonds. Natürlich immer mit seinem unglaublich großartigen Team, wie zum Beispiel Professor Pachinger oder Professor Probst, um nur einige zu nennen. Kaindl hatte bereits in dieser Zeit einen unglaublichen Weitblick für die rechtzeitige Rehabilitation. So änderte er die damals noch übliche wochenlange Ruhigstellung von Herzpatienten. Er erkannte somit frühzeitig die Wichtigkeit einer raschen, natürlich auch gezielten Rehabilitation. Ich durfte als Notarzt und Fliegerarzt Herzkreislauf stabile Herzinfarktpatienten, aus den Bundesländern bereits wenige Tage nach dem Infarktereignis mit einem Ambulanz-Chat nach Wien und weiter in die Rehabzentren Bad Tatzmannsdorf bzw. Hocheck transferieren. Damit konnte durch eine frühzeitig kompetente Rehabilitation bereits 1968 eine deutlich kürzere Krankheitsdauer, ein rasches Widererlangen der Lebensqualität und der Arbeitsfähigkeit erreicht werden. Leider sind Herz-Kreislauferkrankungen in Österreich nach wie vor die häufigste Todesursache. Rund 33 Prozent der Sterbefälle im Jahr 2025 gingen laut Statistik Austria auf kardiovaskuläre Krankheiten zurück, was etwa 30.000 Todesfällen pro Jahr entspricht. Also es erleiden wirklich, leider Gottes, immer noch viel zu viele Menschen, einen akuten Herzinfarkt. Männer sind statistisch gesehen früher, schon oft ab dem 45. Lebensjahr gefährdet, als Frauen meist ab 65. Dennoch machen Frauen rund 40% der Herzinfarkt-Todesfälle aus, dass Symptome bei ihnen häufig untypischer verlaufen und leider auch später erkannt werden. Da die Dauer der Arbeitsunfähigkeit nach einem Herzinfarkt je nach Schweregrad und beruflicher Belastung stark variiert, hängen die Gesamtkosten maßgeblich vom Einzelfall ab. Kendall und sein Team hatten bereits in den 70er Jahren erkannt, dass ein durchschnittlicher Krankheitstag jedes Unternehmen täglich zwischen 250 und 750 Euro kostet. Hochgerechnet auf die typischen Ausfallzeiten eines Herzinfarkts ergaben sich damals folgende Richtwerte. Bei ca. vierwöchigem Ausfall 5.000 bis 15.000 Euro. Bei einem langen Ausfall, und das war damals durchaus üblich, von ca. drei Monaten, ca. 15.000 bis 45.000 Euro. Der Ausfall an Bruttowerterschöpfung, also der tatsächlichen Wirtschaftsleistung, die der Mitarbeiter in dieser Zeit nicht erbringen kann, wird statistisch noch höher beziffert. Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems gehören also zu den teuersten Diagnosegruppen im Gesundheitssystem. Ein einzelner Herzinfarktpatient verursacht durch seinen Arbeitsausfall einen volkswirtschaftlichen Produktionsverlust von etwa 6.000 Euro, innerhalb von vier Wochen. Über 20.000 Euro bei mehreren Monaten. Es war also auch das Verdienst von Kaindl und seinem Team, dass ab Ende der 70er Jahre im AKH, die Herzkatheteruntersuchungen und die therapeutischen Ballondilatationen mit Herzkranzgefäßerweiterung fest in das klinische Leistungsspektrum der Kardiologie integriert wurden. Die jetzt am ESC-Kongress 2026 in München vorgestellte Leitlinie schafft erstmals einen umfassenden europäischen Rahmen für die kardiale Rehabilitation. Bisher fanden sich entsprechende Empfehlungen in einzelnen ESC-Leitlinien, etwa zum Herzinfarkt und zur Herzinsuffizienz. Die neue Leitlinie beschreibt, wer von einer kardialen Rehabilitation profitieren kann, welchen Bestandteile dazugehören und wie entsprechende Programme angeboten werden sollen. Während in Ländern mit stark ausgebauten Sozialsystemen ein gesetzlicher Anspruch besteht, müssen Patienten in einigen Teilen Süd- und Osteuropas Zuzahlungen leisten, oder die Kosten für bestimmte Phasen, insbesondere bei der Langzeitrehabilitation, selbst tragen. Als fester medizinischer Standard mit gut etablierten, strukturierten Programmen, gilt sie vor allem in den deutschsprachigen Ländern, Österreich, Schweiz, Deutschland, oft als DACH-Region zusammengefasst, sowie in Teilen Großbritanniens und den skandinavischen Ländern. Die Kosten für diese Programme werden dort von den Krankenversicherungen fast immer übernommen. Neben den medizinischen Empfehlungen nimmt die neue Leitlinie auch die Qualität der Versorgung in den Blick. Sie definiert Anforderungen an Rehabilitationsprogramme, und betont die interprofessionelle Zusammenarbeit. Neben Ärztinnen und Ärzten gehören je nach Bedarf unter anderem Fachpersonen aus Pflege, Physiotherapie, Ernährungsberatung und Psychologie zum Team. Die Patientinnen und Patienten und ihre kardiologischen Diagnosen werden, ebenso wie die modernen Therapieansätze, immer komplexer. Deshalb braucht es nach der Akutbehandlung eine hochspezialisierte Rehab und entsprechend ausgebildete Fachpersonen. Rehab muss nicht immer im Zentrum stattfinden. Für ausgewählte Patientinnen und Patienten kommt gelegentlich auch ein Angebot zu Hause oder in Kombination aus Betreuung von Orts und digitalen Elementen infrage, die sogenannte Tele-Rehabilitation. Damit lassen sich Angebote stärker an die individuellen Bedürfnisse anpassen und Zugangshürden abbauen. Wir leben heute länger, verbringen diese zusätzlichen Jahre aber häufig mit gesundheitlichen Einschränkungen. Eine individuell abgestimmte Herzrehab kann nicht nur das Risiko eines weiteren Ereignisses senken, sondern auch die körperliche, psychische Gesundheit stärken, und zum gesunden Altern beitragen. Die neue Leitlinie schafft damit eine wichtige Grundlage.