DOC on AIR - Erste Hilfe im Alltag

Notfallmedizin im Alltag

#79 - Rheuma, das Chameleon

02.05.2026 19 min

Zusammenfassung & Show Notes

Rheuma bedeutet in unserer Umgangssprache Beschwerden am Stütz- und Bewegungsapparat mit reißenden und ziehenden Schmerzen, die oft mit funktioneller Einschränkung einhergehen und ganz unterschiedliche Ursachen haben. 
Rheumatoider Formenkreis ist ein Sammelbegriff für über 100 verschiedene Erkrankungen des Bewegungsapparates, die Schmerzen, Steifheit und Entzündungen an Gelenken, Muskeln, Sehnen oder Knochen verursachen. 
Sie verlaufen häufig chronisch, oft schubweise und können auch innere Organe betreffen. 
Die entzündliche rheumatische Krankheit kann in jedem Alter auftreten.
Rheumatische Erkrankungen treten bei Frauen insgesamt häufiger auf als bei Männern, wobei Frauen oft auch intensiver erkranken. 
Nahezu 25 % der Bevölkerung leiden an einer Erkrankung des rheumatischen Formenkreises.

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DOC-ON-AIR - Der Podcast für den Umgang mit medizinischen Notfällen im Alltag von Dr. Joachim Huber.

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Transkript

Doc on Air - Der Podcast, der Ihnen hilft, richtig erste Hilfe zu leisten. Was tun, wenn jemand Hilfe schreibt? Was tun, wenn zu Hause was passiert? Als erfahrener Notarzt zeige ich Ihnen, wie es geht. Unser Ziel, Wissen statt Angst und Können statt Zweifel. Ein herzliches Grüß Gott allen Zuhörerinnen und Zuhörern. Heute habe ich ein sehr spannendes Thema, nämlich Rheuma. Rheuma bedeutet in unserer Umgangssprache Beschwerden am Stütz- und Bewegungsapparat mit ganz verschiedenen Beschwerden. Reißende, ziehende Schmerzen, oft mit funktionellen Einschränkungen einhergehend und ebenso weitere körperliche Symptome, die ich Ihnen im Detail noch vorstellen möchte. Nahezu 25% der Bevölkerung leiden an einer Erkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis, so ist die richtige Bezeichnung für über 100 verschiedene Erkrankungen des Bewegungsapparates. Beim Kongress der Rheumatologen im Kongresszenter Leipzig im August 23 zeigte eine sehr schöne Überblickstudie, dass Frauen sich gesünder ernähren, öfter zu Ärztin oder zum Hausarzt gehen und auch häufiger Vorsorgeangebote in Anspruch nehmen als Männer. Dennoch erhalten sie die Diagnose über eine rheumatische Erkrankung deutlich später als männliche Patienten. Und dies, obwohl sie häufiger an Beschwerden aus diesem rheumatischen Formkreis leiden und gegenüber der männlichen Patienten eine erhöhte Krankheitslast angeben. Die häufigste Form dieses Volksleidens Rheuma ist die rheumatoide Arthritis. ITIS ist immer etwas, wenn Entzündungen im Hintergrund laufen. Von dieser Arthritis ist rund 1% der gesamten europäischen Bevölkerung betroffen. In Österreich leiden zwischen 70.000 und 80.000 Menschen daran. Es handelt sich dabei um eine entzündliche, wie schon erwähnt, rheumatische Erkrankung, die häufig in Schüben verläuft. Es ist gekennzeichnet durch eine ausgeprägte Steifigkeit am Morgen, die oft Stunden andauern kann. Typisch ist auch die beidseitige Entzündung der kleinen Gelenke an den Fingern. Es können aber auch größere Gelenke betroffen sein. Oft werden die Krankheitsbilder aber falsch interpretiert. So sind Gicht, unspezifische Arthrosen oder andere meist degenerative schmerzhafte Veränderungen an den Gelenken, Muskeln, Knochen, Sehnen, aber auch im Bindegewebe nicht immer als Rheuma zu werden. Wie ich schon gesagt habe, kennt die Wissenschaft über 100 verschiedene Erkrankungen aus diesem Problemkreis. Dazu gehören auch Erkrankungen wie der Morbus Bechterew oder die Fibromyalgie, eine rheumatische Schmerzkrankheit, die weder eine Entzündung aufweist noch abnutzungsbedingt ist. Bei Morbus Bechterew handelt es sich um eine Entzündung meist der Lendenwirbelsäule mit Schmerzen, die vor allem bei langem Stehen aber auch in Ruhe auftreten können. Diese Krankheit beginnt meistens zwischen dem 20. Und 40. Lebensjahr und tritt nicht selten im Verbund mit anderen Krankheiten wie Augenentzündungen, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder auch der sogenannten Schuppenflechte auf. Unbehandelt führt die Erkrankung zu einer Verkrümmung und Versteifung der Wirbelsäule von den Kreuzbeindarmgelenken bis zur Brust und, Gott sei Dank selten, auch bis zur Halswirbelsäule. Über 90% der Morbus-Bechterew-Patienten sind positiv für ein genetisches Merkmal, das wir HLA-B27 nennen. Das ist auch ein ganz wichtiges Diagnostikum. Das Problem ist, dass körpereigene Abwehrzellen bei diesem Krankheitsbild die eigenen Knorpel- und Knochenstrukturen angreifen. Weitere rheumatische Erkrankungen sind die juvenile idiopathische Arthritis, also eine noch nicht ganz ursächlich geklärte, besonders bei jungen Menschen auftretende Gelenksentzündung. Ebenso zu nennen ist die Psoriasis Arthritis und verschiedene Kollagenosen, sowie systemische Autoimmunerkrankungen. Auch die Erwachsenenform des Morbus Still, eine sogenannte Adult Onset Stiff Disease, ist eine entzündliche Systemerkrankung mit Fieber, Ausschlag und Gelenksentzündungen. Auch hier kommt es immer wieder zu Begleitentzündungen innerer Organe. Der Lupus erythematodes, SLE, kann Haut, Gelenke und Organe befallen. Die Sklerodermie führt zur Verhärtung von Haut- und Bindegewebe. Das Sjögren-Syndrom bewegt Trockenheit von Augen und Mund, die Dermatomyositis, Polymyositis, Entzündungen der Haut und Muskeln. Die Knochenerkrankung Morbus Paget wird auch als Osteitis bzw. Osteitis deformans bezeichnet, weil eben hier die Knochen durch diese Erkrankung deformiert werden. Diese Deformierung kann auch mit der Größenzunahme der Knochen einhergehen. Dadurch kommt es zu einem Druck auf andere Gewebe, die dann ebenfalls irritiert oder sogar zerstört werden können. Dieser Morbus Paget tritt meist erst nach dem 40. Lebensjahr auf. Die Mischkollagenose, auch Schaub-Syndrom, ist eine seltene chronische Autoimmunerkrankung, die verschiedene Symptome von Lupus, Sklerodermie, Polymyositis kombiniert. Auch hier gibt es einen ganz wichtigen diagnostikwertvollen Antikörper, den sogenannten U1-RNP-Antikörper. Wenn der charakteristisch erhöht ist, steht die Diagnose. Leider Gottes wird auch hier oft nicht ausreichend untersucht bzw. Werden die Patientinnen und Patienten oft nicht ernst genommen untersucht. Erst dann, wenn Begleitsymptome wie Gefäßveränderungen, das sogenannte Renault-Syndrom, wir kennen das unter dem Begriff Krankheit der blauen Finger, geschwollene Finger, Gelenkschmerzen dazukommen, dann kommt es dann Gott sei Dank doch zu einer meist immunsuppressiven Therapie. Auch diverse Gefäßentzündungen, sogenannte Vaskulitiden, sind zu erwähnen. Der Morbus Paget wird dabei ebenfalls als entzündliche Gefäßerkrankung den rheumatischen Symptomen zugeordnet. Der Krankheitsprozess spielt sich in großen und kleinen Venen, teilweise auch in den Arterien ab. Der Organbefall ist variabel, besonders häufig betroffen sind jedoch Augen, Haut und Schleimhaut. Last but not least nenne ich noch die Riesenzellarteritis, die sogenannte Entzündung der Schläfenarterien. Auch die Polymyalgia Rheumatica, also eine unspezifische Erkrankung verschiedener Muskelpartien, soll erwähnt werden. Ganz allgemeine Warnsignale sind die Morgensteifigkeit, die ich schon erwähnt habe, besonders wenn sie länger als 60 Minuten anhält, Entzündungen in den kleinen Gelenken, Finger, Zehen, symmetrisches Befallmuster, wobei meistens mehrere Gelenke auf beiden Seiten für sechs und längere Wochen befallen sind. Aber auch allgemeine Symptome wie unklare Schlafstörungen, immer wieder auftretender Nachtschweiz, nächtliche Fieberschübe, unfreiwilliger Gewichtsverlust, Müdigkeit, Leistungsabfall, Fieber und natürlich die gefürchtete chronische Müdigkeit, die Fatigue. Sie sehen schon, Rheuma ist ein echtes Chamäleon. Dass Bewegungseinschränkungen und chronische, unerträgliche, auch oft therapieresistente Schmerzen die Patienten natürlich massiv belasten, das sei nur so erwähnt. Übrigens Rheuma, der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet Strömung oder Fluss. Viele Ursachen verschiedener Rheumerkrankungen sind noch nicht gänzlich erforscht. Man vermutet aber doch ein fehlgeleitetes Immunsystem dahinter. Also gehen wir doch im Moment davon aus, dass es eine Autoimmunerkrankung ist. Verschiedene Antikörper richten sich gegen das körpereigene Gewebe und natürlich können auch Lunge, Herz und andere innere Organe betroffen sein. Wenn Sie, sehr geehrte Zuhörerinnen und Zuhörer, sich jetzt irgendwo hier angesprochen fühlen und das eine oder andere für sich bemerkt haben, dann darf ich Ihnen ganz, ganz dringend ans Herz legen, dass eine frühzeitige Diagnose und Therapie durch einen Rheumatologen ganz entscheidend ist. Damit lassen sich nicht nur Gelenkschäden verhindern, sondern auch Schmerzen und andere für sie sehr, sehr Lebensqualität kostenden Probleme meist erfolgreich beseitigen oder zumindest so lindern, dass das Leben wieder Freude macht. Also bei jedem Verdacht auf eine Erkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis müssen eine genaue klinische Untersuchung, Blutbefunde, verschiedene bildgebende Verfahren wie Röntgen, Ultraschall, aber auch Magnetresonanz, Tomografie zum Einsatz kommen. Die Behandlungsmöglichkeiten bei rheumatoider Arthritis haben sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Heute ist das Therapieziel, die Symptome vollkommen zurückzudrängen und die Krankheit zum Stillstand zu bringen. Sie ist nicht heilbar, aber man kann den Fortschritt dieser Krankheit deutlich ausbremsen. Jede Therapie aus rheumatologischer Sicht muss individuell auf den Patienten zugeschnitten werden. Es gibt sehr viele unterschiedliche Medikamente, Mittel mit verschiedenen Wirkungen, aber klarerweise auch immer wieder mit Nebenwirkungen. Diverse Basismedikamente beruhigen das Immunsystem, sie verzögern dadurch die Zerstörung der Gelenke und unterdrücken sie meist ganz. Das weltweit am häufigsten eingesetzte Mittel ist Methotrexat. Daneben stehen noch andere Medikamente wie Sulfasalazin, Leflunomid und Hydroxychloroquin zur Verfügung. Die Wirkung dieser Basismedikamente setzt aber nicht sofort ein, sondern tritt meist erst nach einigen Wochen ein. Bei Erkrankungsbeginn mit vielen Entzündungen wird immer auch Kortison eingesetzt. Und glauben Sie mir, das bekämpft nicht nur rasch die Entzündung, sondern lindert damit auch Schmerzen und Schwellungen in den Gelenken. Leider Gottes gibt es vor allen Dingen in den öffentlichen geäußerten Meinungen immer noch die furchtbare Ansicht, Kortison sei gefährlich. Dabei ist Kortison eine körpereigene Substanz, die ganz gezielt eingesetzt immer hilfreich ist. Die Patienten lernen, sofern sie Kortison-Therapie über Monate oder Jahre eingenommen haben, die Dosis gezielt nach Anweisungen der rheumatologischen Fachärzte zu reduzieren. Damit bleiben auch die Nebenwirkungen der Präparate überschaubar. Ein plötzliches Absetzen, ein eigenmächtiges, meist aus unbegründeter Angst vor schlimmen Folgen, ist aber absolut kontraproduktiv und kann zu verheerenden Folgen für die Patienten führen. Ebenfalls große Fortschritte hat uns die neue Basistherapie mit den sogenannten Biologika gebracht. Das sind biotechnologisch hergestellte Eiweißsubstanzen, die ebenfalls, so wie Cortison, die Entzündungen im Körper unterdrücken. Sie wirken rascher als die vor aufgezählten traditionellen Basismedikamente und führen sehr häufig zum Stillstand der Erkrankung. Da das aber Eiweiße sind, müssen sie gespritzt werden, sie würden ja sonst im Magen verdaut. Aber die meisten Betroffenen können sich diese Injektionen selbst verabreichen bzw. Sind Ärzte, Allgemeinmediziner, Fachärzte gerne bereit, sie bei dieser Therapie zu unterstützen. Biologika und Methotrexat werden häufig kombiniert, um eine noch stärkere Wirkung zu erzielen. Eine völlig neue Gruppe der Basismedikamente, die Janus-Kinase-Hemmer, wird seit ungefähr 2017 in Europa eingesetzt. Diese Therapie wirkt direkt in der Immunzelle und kann wieder als Tablette geschluckt werden. Ist aber genauso wirksam wie Biologika. Ganz entscheidend ist, dass alle, auch die neuen Therapiekonzepte, immer wieder individuell eingesetzt werden und damit eine große Hilfe erreichen. Fassen wir dieses kurze Exponat zusammen. In Österreich leiden zwei Millionen Menschen an irgendeiner Form von rheumatischen Beschwerden. Lange Zeit war man in der Medizin der Ansicht, dass Rheuma nur alte Menschen betrifft und Jüngere verschont bleiben. Das ist ein Irrtum. Wir wissen heute, Rheuma kann jeden treffen, selbst Kinder. Die typischen Symptome haben wir bereits erwähnt. Basistherapeutika und moderne Biologika können diese Entzündungen aber hemmen. Natürlich gibt es auch andere Therapien, die man ergänzend nehmen kann. Zum Beispiel regelmäßiges Bewegen, Wandern, Schwimmen, Yoga, Turnen, aber auch Tanzen. Und Sie hören schon, alles, was Freude macht, ist hier wunderbar unterstützend. Klarerweise ist auch regelmäßige Physiotherapie, Krankengymnastik und natürlich auch regelmäßige Psychotherapie immer indiziert. Bei der Ergotherapie lernen die Patienten, wie sie ihre Gelenke entlasten und trainieren können oder wie sie orthopädische Hilfsmittel einsetzen. Meditation, autogenes Training sind ebenfalls Techniken zur Stressreduktion. Übergewichtige sollten ein normales Körpergewicht anstreben Und Raucher sollten natürlich das Rauchen einstellen. Insgesamt kann also ein gesunder Lebensstil mit bewusster Ernährung, wenig rotes Fleisch, viel Fisch, Gemüse und Obst, ausreichende Flüssigkeitszufuhr, Bewegung und, wie schon erwähnt, Freude, Menschen mit rheumatoider Arthritis, helfen, ihre Gelenke fit zu halten und den Verlauf positiv zu beeinflussen. Ich wünsche Ihnen alles Gute und danke für Ihr Interesse.