DOC on AIR - Erste Hilfe im Alltag

Notfallmedizin im Alltag

#78 - Harninkontinenz

18.04.2026 18 min

Zusammenfassung & Show Notes

Inkontinenz, ein Tabuthema, obwohl gezielte Therapien eine hohe Erfolgsquote bieten. Sie kann jeden treffen und ist nicht an Alter oder Geschlecht gebunden. 
Harndrang ist eine wichtige, natürliche Reaktion unseres Körpers, dabei handelt es sich um ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Regulatoren. 
Der Harn wird in den Nieren produziert, die giftige und nicht verwertbare Stoffe aus unserem Körper filtern
Wenn unsere Blase mit etwa 150 bis 250 ml Harn gefüllt ist, dehnt sie sich. Das wiederum registrieren bestimmte Nerven, die sich an der Wand der Blase befinden. 
Ist die Harnblase gefüllt, verspüren alle Lebewesen den Drang, sich zu erleichtern und die Harnblase zu entleeren. Wir scheiden den Harn dann beim Urinieren aus. 
Diese Ausscheidung, tritt als natürliches Bedürfnis untertags etwa sechsmal bei Erwachsenen und bis zu zweimal während der Nacht auf. Eine besonders große Flüssigkeitszufuhr oder harntreibende Getränke können diese Häufigkeit natürlich erhöhen.
Dazu gehören koffeinhaltige Getränke (Kaffee, schwarzer/grüner Tee, Energy Drinks), Alkohol (besonders Bier und Wein), stark säurehaltige Fruchtsäfte (Zitrusfrüchte), kohlensäurehaltige Getränke sowie stark zucker- oder süßstoffhaltige Limonaden
Ist der natürliche Harndrang gestört, sprechen wir Ärzte von Miktionsbeschwerden. 
Dazu zählen sowohl der vermehrte Harndrang als auch ein abgeschwächter Harndrang. Auch Schmerzen bei Urinieren oder das Nachträufeln von Harn wird unter den Miktionsbeschwerden zusammengefasst. 

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DOC-ON-AIR - Der Podcast für den Umgang mit medizinischen Notfällen im Alltag von Dr. Joachim Huber.

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Transkript

Doc on Air, der Podcast, der Ihnen hilft, richtig erste Hilfe zu leisten. Was tun, wenn jemand Hilfe schreibt? Was tun, wenn zu Hause was passiert? Als erfahrener Notarzt zeige ich Ihnen, wie es geht. Unser Ziel, Wissen statt Angst und Können statt Zweifeln. Liebe Zuhörerinnen, liebe Zuhörer, herzlich willkommen zu einem neuen spannenden Thema. Heute berichte ich über die Harninkontinenz. Harninkontinenz ist leider Gottes immer noch ein Tabuthema, obwohl gezielte Therapien eine hohe Erfolgsquote bieten. Dieses Problem kann jeden treffen und ist nicht an Alter oder Geschlecht gebunden. Viele Krankheiten gehen ja auf erbliche Faktoren zurück. Auch die Inkontinenz kann bei manchen Familien, auch schon bei Kindern, wir sprechen hier vom nächtlichen Einnässen der Enuresis, also auch bei Kindern überproportional häufig, erscheinen. Klinische Untersuchungen haben ergeben, dass Kinder mit einer 43%ig höheren Wahrscheinlichkeit Inkontinenzprobleme bekommen, wenn auch schon die Eltern betroffen waren. Falsche Ernährung und Trinkgewohnheiten belasten verstärkt den Beckenboden. Und der ist eine ganz wesentliche Stütze und ein Garant für das ungestörte Harm halten. Aber auch zu wenig trinken, wir sprechen hier von Trinkmengen, weniger als 1,5 Liter pro Tag, stellt ein hohes Risiko dar. Berufliche Tätigkeiten, die starkes Heben verlangen, drücken auf den Unterbauch und sind ebenfalls belastend für die Blase. Das gilt aber auch für Kraftsporten wie Gewichtheben. Probleme in der Beziehung und der Sexualität, Alltagssorgen und ständige Aufregungen belasten das Nervensystem und die Harnblase. Etwa 80% aller Frauen sind zumindest einmal in ihrem Leben von einer Blasenentzündung betroffen, die derartige Beschwerden hervorrufen kann. Auch Männer ab dem 50. Lebensjahr kennen Miktionsbeschwerden häufig in Form von ständigem Harndrang. Wie schon erwähnt, kann vermehrter Handrang auch ein Zeichen von bestimmten psychischen Überlastungen sein. So kennt wohl jeder den Ausdruck, sich vor Angst in die Hose machen. Wir alle haben schon einmal erlebt, dass wir bei Prüfungen oder anderen akut nervös machenden Problemen plötzlich ständig aufs Klo gehen müssen. Grund dafür ist unser vegetatives Nervensystem. Genauer gesagt der Alarmnerv. Ich sage das immer wieder, wir Ärzte nennen ihn Sympathikus, obwohl er ganz schön unsympathisch sein kann. Dieser Alarmnerv erzeugt bei Stress bestimmte Reaktionen im Organismus, die uns auf Kampf und Flucht vorbereiten sollen. Und da wäre eine volle Harnblase oder ein plötzlicher Zwang zum Stuhl absetzen doch sehr hinderlich. Wenn ein ständiger Harndrang allerdings mit permanentem und intensiven Durstgefühl einhergeht, dann ist das oft ein Hinweis auf Diabetes mellitus, also eine Zuckerstoffwechselstörung. Das gehört unbedingt und rasch abgeklärt. Auch eine sogenannte Reizblase, deren Ursache ja noch nicht restlos geklärt ist, kann mit häufigen und bisweilen sogar überfallsartigen Handdrang einhergehen. Im frühen Stadium einer Schwangerschaft beschreiben viele Frauen ebenso einen vermehrten Handrang, genauso wie zum Ende der Schwangerschaft, da dann das Baby aufgrund der zunehmenden Größe häufiger auf die Blase drückt. Aber auch Darm-Nieren-Probleme oder eine Becken-Botenschwäche bzw. Eine Gebärmuttersenkung können Ursachen für ständigen Handrang sein. Kommt es vor allem in der Nacht bzw. beim Liegen regelmäßig zu einem vermehrten Handrang, der nicht auf eine große Flüssigkeitszufuhr zurückzuführen ist, spricht man in der Medizin von der sogenannten Nykturie. Betroffene dieser Diagnose müssen in der Nacht zumindest zwei- bis viermal aufstehen und aufs WC gehen. Besonders ältere Menschen kennen diese Problematik und kämpfen bisweilen mit den entsprechenden Durchschlafstörungen. und der damit einhergehenden Mobilität und Müdigkeit untertrags. Apropos Mobilitätsstörung, es gibt wohl nichts Schlimmeres für ältere Menschen, als mit den Harnhalten Probleme zu haben und gleichzeitig wegen verschiedener Gelenksmuskelbeschwerden nicht rechtzeitig zur Toilette zu gelangen. Wir sprechen in diesen Fällen von einer sogenannten Stressinkontinenz. Aber bitte, im Alter sollte vermehrter Harndrang nicht automatisch als Alterserscheinung abgetan werden, denn dahinter können sowohl die Überproduktion von Urin als auch Herz- und Nierenprobleme stehen. Auch die Einnahme bestimmter Medikamente kann für einen vermehrten Harndrang in der Nacht verantwortlich sein. Bei Männern kommt häufig auch eine Vorsteherdrüsenvergrößerung, also die Prostatahypoplasie, dazu. Vorsicht, besonders bei Männern, immer wieder auf eine Krebsvorsorge achten. Leider Gottes passiert das immer noch viel zu selten und der Prostata-Krebs endet fast immer tödlich. Außer man behandelt ihn rechtzeitig. Bei Frauen ist die Nykturie häufig auf eine Steuerungsproblematik des Blasenmuskels sowie die schon erwähnte Beckenbodenschwäche zurückzuführen. Wenn nun aber ein schmerzhaft vermehrter Harndrang bzw. Schmerzen beim Wasserlassen auffallen, wenn zusätzlich die Harnfarbe trüb ist und ein veränderter Geruch des Urins bemerkbar ist, dann ist die Ursache fast immer eine von Bakterien ausgelöste Harnwechsinfektproblematik. Auch unkomplizierte Harnwechsinfektionen sollten nicht auf die leichte Schulter genommen werden, da die Entzündungen auch aufsteigen und eine Nierenentzündung erzeugen können. Eine Nierenbeckenentzündung ist immer etwas durchaus Ernstzunehmendes. Wenn also vermehrter Handrang mit Schmerzen oder Fieber einhergeht, sollte unbedingt und rasch ärztlicher Rat eingeholt werden. Was gibt es noch für Ursachen für einen gestörten Handrang? Wie schon erwähnt, Stoffwechselstörungen, Hormonstörungen, aber auch Östrogen- oder Vasopressinmangel, Verschiedene Tumorerkrankungen, Schwangerschaftsanfang, spätes Schwangerschaftsstadium, Gebärmuttersenkung, chronische Nieren- oder Dickdarmerkrankungen, die ich schon erwähnte, Prostatavergrößerung und natürlich Herzkrankheiten. Da wiederum sind häufig die notwendig gewordenen Entwässerungsmittel ursächlich für einen gestörten Handrang zu nennen. Denken Sie bitte daran, auch verschiedene Nahrungsergänzungsmittel wie hochdosiertes Vitamin C, verschiedene Kräuterpräparate, zum Beispiel Brennnessel, Birkenblätter, Ingwer-Löwenzahn, Petersilie, Rosmarin, Schachtelheimkraut, Wacholderbeeren, sind durchaus harntreibend. Von einer Harninkontinenz oder Blasenschwäche sprechen wir dann, wenn ungewollt Harn verloren wird. Besonders häufig sind Frauen nach mehrfachen Geburten, aber auch ältere und stark übergewichtige Menschen davon betroffen. Ganz kurz die Hauptformen an der Han-Inkontinenz aufgezählt, Belastungsstress-Han-Inkontinenz, Drang-Inkontinenz, Misch-Inkontinenz, also eine Kombination aus Belastung und Drang-Inkontinenz. Noch eine Form gibt es, die gar nicht so selten ist, die sogenannte Überlaufinkontinenz. Das heißt, die übervolle, überdehnte Blase verliert tröpfchenweise Haaren. Auch das ist besonders bei Männern häufig bei Prostatavergrößerung anzutreffen. Gehen wir noch ein bisschen auf die Ursachen und Risikofaktoren ein. Ich habe es schon mehrfach gesagt, die geschwächte Beckenbodenmuskulatur, das geschwächte Bindegewebe, aber auch eine generelle Altersschwäche durch weniger Muskeln und nachlassende Gewebeelastizität. Was können wir denn nun tun? Denken Sie daran, Harninkontinenz ist ein Problem, das nicht nur Sie betrifft. Es wächst oft im Verborgenen heran und viele Betroffenen sprechen ihre Inkontinenz aus Scham nicht offen an. Dabei wäre das der erste und wichtigste Schritt, so wie der Weg zum Hausarzt und damit weg von der ständigen Sorge, jetzt passiert es gleich wieder. Und glauben Sie mir, was die Werbung Ihnen erzählt, an super Einlagen, wo Sie einige Liter Flüssigkeit hineingießen können und nichts tritt ins Freie. Das ist einfach ein Unsinn, Werbung eben. Gehen Sie zum Arzt und damit findet auch ein ausführliches Gespräch zwischen Ihnen und dem Arzt statt. Es werden die Beschwerden hinterfragt. Es werden selbstverständlich auch ärztliche, klinische Untersuchungen vorgenommen, Labor- und Ultraschalldiagnostik eingesetzt. Ergänzend kann eine urodynamische Messung durchgeführt werden, um die Speicher- und Entleerungsfunktion von Harnblase und Harnröhre möglichst exakt zu messen und zu beurteilen. Wichtiger Teil der Diagnostik ist das von Ihnen mitgebrachte Blasentagebuch, In dem mehrere Tage hindurch die Trinkmenge, die Harnmenge und das bitte mit Zeitraster eingetragen werden. Ebenso die Intensität des Harndrangs und die grob geschätzte Menge des unfreiwilligen Harnverlustes. Ihr Arzt kann dann viel leichter mit Ihnen entscheiden, ob eine oder mehrere der folgenden Maßnahmen für Sie in Betracht kommen. Zuerst immer das Behandeln der Grundkrankheit, also bei bestimmten Erkrankungen im Hormonhaushalt, im Stoffwechsel, im Herz-Kreislauf-System, Erkrankungen des Nervensystems oder der Wirbelsäule. Dann werden vielleicht Medikamente ausreichen. Bei chronischen Blasenentzündungen oder anderen Entzündungen werden gezielt eingesetzte Antibiotika sicher helfen. Einfach so mal ein Antibiotikum zu nehmen, ohne dass man geschaut hat, ob der Erreger darauf auch anspricht, ist einfach nicht gescheit. Ganz ein wichtiger Punkt ist das aktive Blasentraining. Es kann helfen, die Blasenmuskulatur zu unterstützen und wieder zu stärken. Kernübungen umfassen das Anspannen des Beckenbodens im Sitzen und Liegen. Ziel des Blasentrainings ist es, den Handrang wieder bewusst zu steuern und eine überaktive oder schwache Blase sozusagen der Weise besser kontrollieren zu können. Darunter fällt natürlich auch das regelmäßige Beckenbodentraining. Auch das hilft immer, ganz unabhängig davon, ob es sich um eine Drang- oder Belastungsinkontinenz handelt. Es stehen auch eine Vielzahl anderer Therapiemöglichkeiten zur Verfügung, von der Lasertherapie über Biofeedback, Elektrostimulation. Alles dient dazu, den Schließmuskel zu stärken. Letztlich, natürlich kann es auch notwendig sein, zu operieren. Die viel gelobte und auch beworbene Pflanzentherapie kann zwar eine Linderung der Handrangbeschwerden erreichen, aber es muss uns klar sein, bei einer echten Inkontinenz ist das der berühmte Tropfen auf den heißen Stein und wird wohl keine entsprechende Besserung bringen. Eine begleitende Psychotherapie, um Auslöser für eine sogenannte nervöse Blase zu finden, ist immer gescheit, wenn man damit das Problem erkennt, bearbeiten kann und schließlich auch damit die Beschwerden lindert. Operationen sind immer dann erforderlich, wenn trotz aller Bemühungen die Lebensqualität unter der Inkontinenz leidet. Bei Frauen gibt es die sogenannte Schlingenoperation, auch als spannungsfreies Vaginalband bekannt. Es ist der Goldstandard. Dabei wird in einem kurzen, minimalinvasiven Eingriff ein schmales, netzartiges Kunststoffband spannungsfrei unter die Harnröhre eingesetzt, um diese zu stabilisieren. Auch entsprechende Botox-Injektionen oder ein Blasenschrittmacher können angedacht werden. Bei Männern hilft häufig, besonders nach Prostataentfernung, auch die Implantation eines künstlichen Harnröhren-Schließmuskels oder eine sogenannte ProACT-Schließmuskelprothese. Zusammenfassend empfehle ich Ihnen nochmal Gehen Sie rechtzeitig zum Arzt Ihres Vertrauens oder wenden Sie sich gleich an einen Facharzt für Urologie oder sprechen Sie als Frau mit Ihrer Gynäkologin, mit Ihrem Gynäkologen Auf jeden Fall wichtig, tun Sie etwas, warten Sie nicht zu, Inkontinenz kann man wirklich wunderbar behandeln. Ich danke Ihnen fürs Zuhören und wünsche Ihnen alles Gute.