#73 - Burnout
07.02.2026 23 min
Transkript
Doc on Air Der Podcast, der Ihnen hilft, richtig erste Hilfe zu leisten.
Was tun, wenn jemand Hilfe schreibt? Was tun, wenn zu Hause was passiert?
Als erfahrener Notarzt zeige ich Ihnen, wie es geht.
Unser Ziel, Wissen statt Angst und Können statt Zweifel.
Sehr geehrte Zuhörerinnen, liebe Zuhörer, in meinem 73.
Podcast möchte ich euch das Thema Burnout näher bringen. Beginnen will ich mit
zwei Presseinformationen.
Erstens, die Tageszeitung der Standard berichtet am 27.02.2024.
Der Wiener Psychiater, Universitätsprofessor Dr.
Michael Musalek betonte gegenüber der APA nach einem Symposium,
die österreichische Gesellschaft sollte mehr auf die psychische Gesundheit achten.
Eine wissenschaftliche Untersuchung hat ergeben, dass mehr als 40% der Erwachsenen
Anzeichen des Burn-out-Syndroms aufweisen.
Das sei keine Modeerscheinung, sondern ein ernstzunehmendes Problem.
Zweitens. Der Henrich PR und Stada Health Report vom Juli 2025 berichtet.
Auf den ersten Blick schien es, als hätte der Gesundheitswahn den Kontinent fest im Griff.
Aber nur 9% der Europäer geben an, einen ungesunden Lebensstil zu führen.
40% bewegen sich im Mittelfeld und 51% sind stolz auf ihre gesunde Lebensweise.
Besonders hoch ist dieser Anteil in Spanien. Dort bezeichnen sich 68% der Befragten
als gesundheitsbewusst.
Mehr als doppelt so viel wie in Tschechien, wo sich nur jeder Dritte so einordnet.
Die Österreicher halten ihre mentale und körperliche Gesundheit für gut,
sehen aber eine gesunde Lebensweise durch finanziellen Druck und zu viel Stress erschwert.
Laut Selbsteinschätzung leiden 57% der Österreicher an Burnout-Symptomen bzw.
An einer beginnenden derartigen Problematik. Noch einige Fakten.
Die Hälfte aller Österreicher bewertet ihre Gesamtgesundheit als eigentlich
zufriedenstellend und gut.
69% der Österreicher sind grundsätzlich zufrieden mit der Gesundheitsversorgung.
70% auch mit den angebotenen Vorsorgemaßnahmen.
Trotzdem leiden etwa zwei Drittel der Bevölkerung an chronischen Erkrankungen.
Und in Österreich nehmen nur 12,4% der gesamten Bevölkerung jährlich und den
allgemeinen Vorsorgeuntersuchungen auch tatsächlich teil.
Nur ca. ein Drittel kümmert sich um die eigene Gesundheit. Fehlende Motivation
und fehlende Zeit werden als Begründung angegeben.
Mehr als die Hälfte der Österreicher wollen eine Pflegeeinrichtung für Angehörige
nutzen oder tun dies bereits.
Aber nur ein Drittel will das auch für sich selbst.
Was bedeutet nun der Begriff Burnout? Als Luft- und Raumfahrtmediziner,
ein ganz kurzer, lustiger Nebensatz, in der Raumfahrt meint man damit den Zeitpunkt,
in dem das Triebwerk einer Rakete abgeschaltet wird und der antriebslose Flug beginnt.
Und dieser Vergleich ist doch gar nicht schlecht. Wenn unsere eigenen Triebwerke
abgeschaltet werden oder nicht mehr richtig funktionieren, dann werden auch wir antriebslos.
Nun, zurück zur Seriosität.
Der Begriff Burnout wurde in den 1970er Jahren von dem US-amerikanischen Psychotherapeuten
Herbert Freudenberger geprägt.
Er beschreibt damit die Folgen starker Belastungen und hoher Ideale in helfenden Berufen.
Zum Beispiel seien Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte,
die sich in ihrem Einsatz für andere aufopferten, häufiger ausgebrannt,
erschöpft und lustlos sowie überfordert als in anderen Berufen.
Obwohl das heute unverändert so ist, beschränkt sich der Begriff nicht mehr
auf die helfenden Berufe oder die Schattenseiten übermäßiger Opferbereitschaft.
Gemeint ist damit ein Zustand chronischer Erschöpfung durch lang anhaltenden,
ungelösten Stress, oft durch Überforderung, aber auch durch fehlende Erholung.
Burnout ist also eine Reaktion auf belastende Lebensumstände,
die nicht nur im Beruf, sondern auch privat auftreten können,
wobei Perfektionismus und das Nicht-Anerkennen eigener Grenzen häufige Auslöser sind.
Insgesamt sind in Österreich schätzungsweise 19% der Erwerbsbevölkerung im Problemstadion bzw.
Bereits 8% in einem echten Burnout-Stadion.
Es ist also rund gesehen jeder vierte bis sechste Arbeitnehmer gefährdet.
Frauen kommen übrigens mit schweren Belastungen an sich besser zurecht als Männer.
Sie haben aber auch häufig Doppel- und Dreifachbelastungen, indem sie nicht nur berufstätig sind,
Ehefrauen, Partnerinnen sind, sondern auch als Mütter und oft als Pflegerinnen für die Kinder bzw.
Die älteren Menschen zur Verfügung stehen.
Frauen sind daher in Europa mit ca. 5,2% häufiger von Burnout betroffen als
Männer, die bei 3,3% der Gesamtbevölkerung liegen.
Häufig sind es Menschen zwischen 40 und 50 Jahren.
In diesem Lebensabschnitt vermischen sich häufig hohe berufliche und private
Anforderungen mit einer beginnenden altersbedingten Energieverarmung.
Menschen, die den hohen Erwartungen immer gerecht werden wollen,
keine ausgewogene Balance zwischen Arbeit und Erholung finden und noch Warnsignale
nicht beachten, sind besonders gefährdet.
Gestresste Karrieremenschen und prominente übrigens genauso wie überarbeitete
Arbeiter, Angestellte, Hausfrauen oder Männer.
In der EU fühlen sich durchschnittlich 10% der Beschäftigten ausgebrannt.
Deutschland meldet, dass 61% der Bundesbürger 2024 eine Überlastung befürchteten.
19% der Beschäftigten hatten bereits einen Psychiater oder Psychologen wegen Burnout aufgesucht.
In Russland, hier ist die Dunkelziffer sicher groß, sind es geschätzte 72% der
Bevölkerung, die unter Burnout leiden.
Was sind nun die signifikanten Symptome? Schlafstörungen, chronische Müdigkeit, rasche Erschöpfung,
Magen/Darmbeschwerden, zum Beispiel Sodbrennen, aber auch Durchfall und Verstopfung,
Herz-Kreislauf-Probleme, Atembeschwerden, also rasches Kurzatmig werden,
Kopf- und Rückenschmerzen.
Ganz wichtig für den Beruf, eine Entfremdung von demselben, eine Vernachlässigung
sozialer Kontakte und Hobbys,
Schuldgefühle und Selbstmitleid sind oft erste Warnzeichen.
Meist auch emotionale Leere, gar nicht so selten Zynismus.
Ein geschwächtes Immunsystem mit verstärkt Infektanfälligkeit ist ebenfalls ein Warnsymptom.
Und spätestens wenn sich das Essenverhalten ändert, wenn man eine Zunahme des
Alkohol, Nikotin oder Drogenkonsums bemerken kann,
wenn sexuelle Probleme mit Libidoverlust, Erektionsstörungen,
Anorgasmie im Vordergrund stehen, dann wird es wirklich Zeit, etwas zu unternehmen.
Die Folgen dieser immer noch nicht als krankheitsgewürdigten Problematik sind
sehr oft nicht nur der Werteverlust, sondern der Verlust der gesamten Arbeitsfähigkeit.
Vorher eine zunehmende Fehlanfälligkeit.
Die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben verschwimmen. Der sonst vorhandene
Begriff Selbstverständlichkeit der Gesundheit bekommt viele, viele Fragezeichen.
Ebenso furchtbar empfinden die Menschen diese gefühlte Unbeherrschbarkeit,
das Leben steuert einen, nicht umgekehrt. Immer öfters gibt es Gefühle der leere Sinnlosigkeit.
Nichts macht mehr Freude.
Man hat zu den meisten sonst sehr angenehmen Dingen negative Einstellungen.
Hoffnungslosigkeit, Zynismus, Desillusionierung, Ersatzhandlungen und sozialer Rückzug folgen.
Häufig auch eine übertriebene Internet-Shop-Freudigkeit und gar nicht so selten
auch als Auslöser bemerkt wird der übermäßige Konsum von sozialen Medien.
Also das Ununterbrochene im Netz hängen, statt mit persönlichen Kontakten Wohlbefinden zu erzeugen.
Eine Schweizer Studie zeigt, dass dort aufgrund von psychischen Erkrankungen ca.
44% der Frauen und 28% der Männer in eine frühzeitige Berufsunfähigkeit rutschen.
Die Kosten durch Burnout und psychische Erkrankungen in Europa gehen in die
hunderte Milliarden Euro pro Jahr.
Die Produktivitätsverluste, die Arbeitsausfälle machen den Löwenanteil aus.
Oft sind das fast drei Viertel der Probleme.
Weiteren Kosten durch die Gesundheitskosten, Krankenhausaufenthalte,
Medikamente, Therapien.
Schätzungen beziffern die Gesamtkosten psychischer Erkrankungen,
einschließlich Burnout, für die EU auf rund 600 Milliarden Euro jährlich.
Burnout bei Mitarbeitern in Unternehmungen pro Fall zwischen 4.000 und 21.000 US-Dollar pro Jahr.
Wir reden noch nicht von den weiteren Kosten, Krankengeld, Pflegeaufwand,
Kuraufenthalte und anderes.
Nun, fragen Sie sich sicher, bin ich eigentlich Burnout gefährdet?
Ich darf Ihnen einen kleinen Selbsttest präsentieren.
Und zwar stelle ich Ihnen 14 Fragen und hören Sie einfach mal zu.
Frage 1. Können Sie zu Hause oder mit Freunden über Ihre Probleme sprechen?
Zweitens. Ist die hohe Verantwortung für Familie und Berufe gut ertragbar?
Drittens. Fühlen Sie sich wohl, wenn Sie unter Menschen sind?
Viertens. Sind Ihre beruflichen und privaten Aufgaben okay für Sie? 5.
Sind die an Sie gestellten Aufgaben für Sie gut bewältigbar?
6. Fühlen Sie sich in Ihrem beruflichen und privaten Umfeld zufrieden und wohl? 7.
Bewältigen Sie den unter hohem Termindruck ohne Defizite in der Arbeits- und Lebensqualität?
Also bewältigen Sie Ihren Stress, auch unter hohem Termin Druck.
Achtens, haben Sie mal alles unter Kontrolle?
Neuntens, erledigen Sie die Aufgaben, die man Ihnen stellt, immer hundertprozentig?
Zehntens, können Sie frei über Ihre Probleme sprechen, auch am Arbeitsplatz?
Elftens, sind Sie frei von Kopf-Rückenschmerzen?
Nicht einmalig und begründet, sondern dauernd und zunehmend.
Frei von Schlafstörungen, Magendarmproblemen oder Muskelverspannungen?
12. Können Sie sich noch gut konzentrieren und sich alle Dinge merken? 13.
Können Sie Ihr Leben noch ohne Alkohol und Medikamente genießen?
14. Nehmen Sie sich regelmäßig Zeit für Bewegungen wie Spaziergänge oder Sport?
Nun zur Auswertung.
Selbstverständlich ist dieser kleine Test nur ein knizekleiner Wegweiser und
er ersetzt keinesfalls eine ordentliche medizinische Diagnose beziehungsweise
in weiterer Folge eine Beratung.
Eines ist aber klar, wenn Sie von diesen 14 Fragen mehr als 6 mit Nein beantworten
müssen, dann wenden Sie sich bitte an Ihren Hausarzt,
um Ihre Beschwerden weiter abklären zu lassen und besonders um rechtzeitig Hilfe zu bekommen.
Burnout entwickelt sich meistens leise, schleichend und überschneidet sich oft mit Depressionen.
Bei Verdacht ist daher unbedingt professionelle Hilfe wichtig. Vielen Dank.
Was können Betroffene noch tun? Der erste Schritt ist ausreichend Zeit für Familie
und Freunde einzuplanen.
Über alle Probleme mit seinem Partner offen zu reden, Arbeit und Freizeit zu trennen.
Die Ursachen und die eigenen klaren Grenzen erkennen, das Nein-Sagen erlernen und trainieren.
Entschleunigung leben, also
bewusst langsamer leben, sinnvolle Pausen einplanen und Erholung finden.
Bei mehrfachem Unwohlsein trotz dieser Bemühungen, gehen Sie bitte zum Hausarzt.
Wir müssen schließlich auch daran denken, dass manche körperliche Ursachen hier
eine derartige Problematik verursachen können.
Zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion, ein Herz-Kreislauf-Problem,
eine chronische Erkrankung,
Folgen nach schweren Infektionen wie die gefürchtete chronische Müdigkeit,
sogenannte Fatiguesyndrom.
Aber wann immer so ein Problem ist, suchen Sie Unterstützung und nehmen Sie die auch an.
Ein ganz wichtiger Punkt ist, regelmäßig Sport mit Freunden auszuüben.
Und selbstverständlich ist es völlig legitim, mit entsprechenden Selbsthilfegruppen
Kontakt aufzunehmen und sich auszutauschen.
Denken Sie also bitte daran, wenn der Verlust von Motivation und Interesse zu
einem sozialen Rückzug und zur Vernachlässigung von Freundschaften und privaten Aktivitäten führt,
dann ist es wirklich kurz vor zwölf.
Oft wird ja versucht, mit Alltagsdoping über die Runden zu kommen.
Das sind dämpfende Substanzen, ob jetzt pflanzlich oder chemisch.
Im E-Mail-Bode ist leider Gottes der Alkohol.
Oft wird er unkontrolliert eingenommen.
Und leichtfertig ist bei Alkoholmissbrauch immer der erste Schritt in eine Alkoholkrankheit.
Im Rahmen eines Burnouts kommt es aber auch immer wieder zu Fehl- oder Missbrauch
von Kokain, Amphetamin und anderen Drogen.
Dass das alles zu verstärkter Schöpfung und weiteren psychosomatischen Beschwerden,
Krankheiten, Depressionen, letztlich auch Angststörungen führt,
ist ja endlich bekannt. Man rutscht leise hinein.
An wen kann man sich denn wenden? Nun, es gibt eine sehr gute Einrichtung,
die nennt sich Clearingstelle für Psychotherapie und ist unter der Telefonnummer
plus 43 800 202 434 erreichbar.
Eine E-Mail-Adresse ist clearing-psychotherapie-info.at Der Berufsverband der
österreichischen Psychologinnen und Psychologen,
sogenannte BÖP unter 43 1504 8000 oder im Internet www.boep.or.at.
Lassen Sie mich zusammenfassen. Burnout ist, obwohl es uns ja eigentlich wirklich
gut geht im Vergleich zu anderen Ländern, wo Krieg und Furchtbarkeit herrschen,
ist trotzdem zu einem gefährlichen Alltagsproblem geworden.
Und gehört auch, da sind wir Ärzte uns alle einig, als ernstzunehmende Diagnose qualifiziert.
Burnout ist aber kein unabwendbares Schicksal.
Daher lassen Sie uns Ärzte doch helfen.
Ich danke Ihnen fürs Zuhören und wünsche Ihnen alles, alles Gute.
Ihr Joachim Huber.